Pressearchiv

11.02.2011 | Bergische Landeszeitung, geschrieben von Walter K. Schulz, 11.02.11, 07:06h
BLZ: Kinder laut wie Presslufthämmer?
Generationenkonflikt
Ein Vorstoß der Landesorganisation zum Thema „Kindertagesstätten in Wohngebieten“ will den Bau von Kindertagesstätten in Wohngebieten wegen der zu hohen Lärmbelästigung verbiten lassen. Caritas und Stadt schütteln den Kopf.
Bergische Landeszeitung vom 11.2.2011
RHEIN-BERG - „Ich war doch etwas verblüfft“, räumte gestern der Vorsitzende der rheinisch-bergischen Senioren-Union, Holger Müller MdL, ein, als er vom Vorstoß seiner Landesorganisation zum Thema „Kindertagesstätten in Wohngebieten“ erfuhr.

„Ein Dauerpegel von 90 Dezibel bleibt eine unzumutbare Lärmbelästigung - gleich, ob die Quelle nun sympathisches Kindergeschrei ist oder das Hämmern eines Pressluftbohrers.“ Diese Aussage des NRW-Landesvorsitzenden Leonhard Kuckart wurde gestern auch im Kreis diskutiert.

Holger Müller: „Für diese Aussage fehlt mir jedes Verständnis. Es ist ja nicht so, dass künftig an jeder Ecke eine Kita vorgesehen ist.“ Müller an Kuckart: „Ich kenne keinen Beschluss des Landesvorstands zu dem Thema. Ich frage mich jetzt, ob Sie nun gegen ein Kind oder gegen einen Presslufthammer gelaufen sind.“

Die Senioren-Union in der CDU spricht sich laut Kuckart dagegen aus, „künftig innerhalb von reinen Wohngebieten den Bau von Kindertageseinrichtungen grundsätzlich zuzulassen“. (Reine Wohngebiete stehen über den Allgemeinen Wohngebieten, d. Red.) Auch dem Ruhebedürfnis älterer Menschen müsse Rechnung getragen werden. Kuckart hält den Gesetzentwurf sogar für verfassungswidrig. Er trage nicht zum Zusammenhalt der Generationen bei, so Kuckart. „Selbstverständlich haben Kinder das Recht zu lärmen und zu toben, aber nicht überall. Die geplante Änderung der Baunutzungsverordnung mit dem Ziel, in reinen Wohngebieten Kitas generell zuzulassen, lehnen wir entschieden ab.“ In einem Wohnumfeld mit vielen älteren Menschen müsse auch auf die Interessen der Ruheständler Rücksicht genommen werden. Das könne im Einzelfall bedeuten, dass die Genehmigung für eine Kita, einen Kindergarten oder einen Spielplatz auch künftig zu versagen sei.

Holger Müller schrieb an Kuckart: „Wie soll in letzter Konsequenz das Lebensumfeld der alten Leute aussehen, wenn keine Jüngeren mit Kindern dort mehr sein sollen?“

Gladbachs Stadtpressesprecher Martin Rölen sagte auf Anfrage, die Zeiten des großen Kindergartenbaus seien ohnehin vorbei. Das Prinzip müsse aber lauten: „Kurze Beine, kurze Wege.“

Hans-Peter Bolz, Geschäftsführer der Caritas RheinBerg: „Ich dachte, mein Gott, was ist das denn?“ Für diese Form der politischen Diskussion habe er „kein Verständnis“. Man lebe doch in einer Zeit, in denen die Generationen „miteinander leben müssen“.

Fachbereichsleiterin Sabine Schöngen vom Deutschen Roten Kreuz in Rhein-Berg bezeichnet den Vorstoß als „bedenkliche Stimmungsmache“, die den Konflikt zwischen Jung und Alt forciere, den es im Kita-Alltag glücklicherweise nicht gebe. Aus seinen Kitas könne das DRK von einem „sehr schönen Miteinander der Generationen“ berichten.